Geschichte: Freundschaft Ist Verantwortung

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Drachenpony
Filly
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Geschichte: Freundschaft Ist Verantwortung

Beitrag von Drachenpony »

Diese Geschichte basiert sozusagen auf der Geschichte "Ein Drache in Equestria", nur dass sie diesmal so gar nicht erotisch ist, sondern von mir aus ernstem, gegebenen Anlaß geschrieben worden ist. Aber MLP-Fanfic erscheint auch das beste Verhikel für mein Anliegen zu sein.

Ich mag es zwar, in meinen Geschichten aktuelle Geschehnisse zu verarbeiten (ich stamme aus der Furry-Ecke, bin dort viel aktiver mit Geschichten, da ich nur ab und zu mal was schreibe, was in Equestria angesiedelt ist), aber ich habe es bisher tunlichst vermieden, in irgendeiner Art und Weise "politisch" (wie man das auch immer definieren mag) zu sein.
Aber es war mir einfach ein Bedürfnis, diese Geschichte zu schreiben. Sie ging mir eigentlich schon vor mehr als einem Jahr durch den Kopf, als wir quasi noch am Anfang der Pandemie standen und es schon bei den ersten Maßnahmen zu der einen oder anderen Verwerfung - oder sollte ich sagen: Überwerfung - in meinem Umfeld gekommen ist.
Ich hatte sie mir letztendlich verbissen, vielleicht war auch einfach Faulheit im Spiel.

Aber die aktuelle Situation hat mich jetzt dann doch zu sehr umgetrieben, als dass ich es weiter hinterm Berg halten konnte, sprich: Die Geschichte musste heraus, sie brach aus mir heraus, brach sich Bahn und MLP-Fanfic erscheint das adäquate Mittel zum Ausdruck meiner Gefühle.
Seht mir bitte nach, wenn diese Geschichte nicht wie sonst bei mir üblich mehrfach korrekturgelesen und poliert worden ist.
Und, ja, mir ist bewußt, dass ich dem einen oder anderen Pony damit vielleicht auf die Hufe treten werde.
Aber das ist meine Sicht der Dinge. Und so, wie sich Impfgegner die Freiheit nehmen, sich und vor allem andere zu gefährden und in ihrer Freiheit zu beschränken, nehme ich mir die Freiheit, dies mit meiner Geschichte anzuprangern.
Aber seid versichert, normalerweise schreibe ich lieber Sachen in der Richtung "Ein Drache in Equestria."


Herzlichst,
Greldon (Drachenpony)

Freundschaft ist Verantwortung

Die Sonne stand hoch am Himmel an diesem kalten Novembertag. Doch der tiefblaue, blitzeblank gefagte Himmel war geradezu ein Hohn, wenn man sich in Erinnerung rief, was gerade in ganz Equestria und auch in den umliegenden Reichen geschah.

Verdrießlich betrachtete Greldon die langsam vorüberziehende, herbstbunte Landschaft, während der Freundschaftsexpress über Land gen Canterlot ratterte und dampfte.
Kaum vorstellbar, dass er vor nunmehr zwei Jahren diesen Zug jeden Tag benutzt hatte, ganz früh am Morgen in die eine und am späten Nachmittag in die andere Richtung. Und auch heute fragte er sich zum wiederholten Male, was eigentlich dieses Express hier in Equestria bedeuten mochte.
Der einzige Unterschied zu Greldons früheren Fahrten war, dass in den Waggons weniger Ponys und Nichtponys zusammengepfercht waren als heute. Auch wenn er früher ab und zu das Glück gehabt hatte, dass durch das dichte Gedränge das eine oder andere Pony versehentlich (oder vielleicht auch nicht so sehr versehentlich) mit seiner Schnute unter seinen Schweif geraten war, so war es ihm schon lieber, dass er ein wenig Freiraum hatte während der Fahrt, die sich immer in die Länge zog. Auch der etwas reduzierte Geräuschpegel, sprich: weniger Gewiehere um ihn herum, war durchaus angenehm. Trotzdem, die obligatorische Bummelei, das obligatorische Gezockel und die obligatorischen Verspätungen waren auch unter diesen neuen Umständen geblieben. Von wegen Express.

Als er vor einigen Jahren seine Heimat in den nördlichen Reichen verlassen hatte und während seiner Wanderschaft eher zufällig nach Equestria geraten war, hatte ihn anfangs Prinzessin Twilight bei sich aufgenommen und zusammen mit ihren Freundinnen dafür gesorgt, dass sich der Drache bald sehr heimisch in Ponyville fühlte. Irgendwann hatte sie Greldon bei Hofe in Canterlot eingeführt und Prinzessin Celestia hatte sich persönlich dafür eingesetzt, dass er eine recht gut bezahlte, aber auch sehr anspruchsvolle Stelle in der Royalen Schatzkammer bekam. Es war eine krisensichere Stellung, aber sie war unter anderem an die Bedingung geknüpft, dass Greldon zum Pendeln den Freundschaftsexpress verwenden musste oder ein anderes Transportmittel, nicht aber selber fliegen durfte. Die Prinzessinnen waren dem Ruf der Fohlen, die sich seit mehreren Monaten regelmäßig an Montagen an Protestaktionen des Schönheitsfleckenclubs beteiligten, gefolgt und hatten sich für ein Flugverbot für Drachen ausgesprochen, um die schädlichen Gase, die ein Drache bei einem Flug ausstoßen konnte, wenn er beispielsweise Feuer spie, zu reduzieren um so das Blau des Himmels zu erhalten.
Der Zug rollte langsam im Bahnhof von Canterlot ein und beim Aussteigen fiel ihm auf, dass sich zwar viele der Fahrgäste, aber eben nicht alle, an die Maskenpflicht gehalten hatten.
Auch das gab es früher nicht: Maskierte Ponys kannte man höchstens aus Filmen, die von irgendwelchen Banküberfällen handelten.

Greldon knurrte erbost, als er auf den Bahnsteig trat – und ihm ein Esel, natürlich ohne ein Wort der Entschuldigung und ohne Maske, auf seinen Schweif gestiegen war. Aber er verkniff sich seufzend eine Reaktion, Prinzessin Celestia hatte ihn explizit darum gebeten, als sie ihn zu sich eingeladen hatte zu einer Audienz: „Lass Dich unter keinen Umständen provozieren von irgendwelchen Maskenverweigerern und dergleichen. Stehe darüber.“
Leicht gesagt.

Er schüttelte sich, um den in sich aufflammenden Zorn im Keim zu ersticken, und machte sich so dann auf dem Weg zum Schloß. Er konnte von Glück reden, dass er in dieser Krise seine Arbeit behalten hatte, ja, dass er diese auch von zu Hause in Ponyville verrichten durfte. Nur ab und zu musste er noch seine Schreibstube in Canterlot aufsuchen, aber das wußte der Drache immer zu verbinden mit den etwas angenehmeren Dingen des Lebens.
Die Krise, wie man hier so sagte. Die Krise, die alles verändert hatte. Die Krise, die nunmehr zwei Jahre andauerte und ausgerechnet jetzt ihren absoluten Höhepunkt erreichte hatte. Ausgerechnet jetzt, wo ein jeder in Equestria die Möglichkeit hatte, sich so zu verhalten, dass diese Krise sich eben genau nicht zu diesem Höhepunkt aufschwingen konnte. Ausgerechnet jetzt, wo ausreichend und kostengünstig, nämlich kostenlos ein Angebot vorhanden war, sich und damit auch die anderen zu schützen und schlimmere Verläufe zu verhindern.

Greldon hätte es sich niemals träumen lassen, dass es etwas geben könnte, das das Zusammenleben der Ponys in Equestria in solch brutaler Art und Weise auf eine harte Probe stellen würde. Freundschaften waren an dieser Krise zerbrochen, ein Riss ging durch die Gesellschaft der Ponys und einige Ponys hatten sogar ihr Leben verloren. Letzteres war anfangs unvermeidlich, doch zum aktuellen Zeitpunkt war es einfach nur unnötig.

Die Krise war eine Krankheit, die von Viren ausgelöst wurden, die so heimtückisch und chaotisch waren, dass nicht einmal Discord in der Lage gewesen war, diesem Problem Herr zu werden. Discord war eines der ersten Opfer dieser Krankheit geworden, die er gerade so überlebt hatte, nachdem man ihm wochenlang künstlich beatmen musste. Aber noch jetzt war er gezeichnet und jegliche Farbe und jeglicher Schalk waren aus ihm gewichen. Er arbeitete auch in der Schreibstube, allerdings seit seiner Erkrankung nur noch in Teilzeit.
Die Wonderbolts hatten einige ihrer Mitglieder verloren, sogar eines der prominentesten Pegasi.
Die Krankheit, die sich, je nach Geschöpf, unterschiedlich äußerte: Bei vielen der erkrankten Ponys verblassten die Schönheitsflecken und ihr Fell verlor die Farbe. Drachen verloren teilweise ihre Schuppen, Greife ihre Goldfedern. Und das waren noch die harmloseren Folgen. Ja, es gab auch Viele, die bemerkten von der Krankheit, die sie befallen hatte, gar nichts, vielleicht ein wenig Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Aber es gab auch zahlreiche Geschöpfe in Equestria und in den umliegenden Reichen, die an dieser Krankheit elendiglich zugrunde gingen.
Ein zuverlässiges Heilmittel gab es immer noch nicht, auch wenn die klügsten Köpfe aus allen Reichen fieberhaft daran arbeiteten. Auch Prinzessin Twilight verbachte natürlich Stunde um Stunde in allen möglichen Bibliotheken dieser Welt, um nach einer Lösung zu suchen.
Es war bezeichnend, dass sogar König Sombra einen unbrechbaren Eid geschworen hatte, einen solchen Virus nicht zur Kriegsführung einzusetzen.

Greldon blickte nach rechts und links, als er zum Schloß trottete, seine Krallen klickten auf dem novemberkalten Trottoir.
Es war zwar immer noch etwas weniger los als sonst im geschäftigen Canterlot, aber es schien, dass die Ponys durchaus alle etwas sorgloser geworden waren: Teilweise drängten sie sich in kleinen Läden oder Gaststätten, sie trugen kaum mehr Masken und er entdeckte immer wieder einige Plakate, auf denen Werbung für irgendwelche großen Sportereignisse gemacht wurde oder für Musikfestivals. Er seufzte. Natürlich wäre er auch gerne auf das Konzert von Songbird Serenade gegangen: Ihre neueste Schallplatte, die sie zusammen mit einer äußerst eleganten Gazellendame aus fernen Landen eingesungen hatte, hatte er sich schließlich gerade erst gekauft.
Immerhin stand bei den meisten Geschäften zumindest der Hinweis, dass man nur geimpft oder genesen eintreten durfte, oder getestet. Doch, das stellte Greldon bei seinem Spaziergang zum Schloß auch fest, es schien niemanden so recht zu interessieren. Ganz selten, dass es entsprechende Kontrollen gab. Er bekam sogar ein Streitgespräch mit, offensichtlich hatte ein junges Fohlen, das sich brav beim Betreten eines Ladens seine Hufe am Eingang desinfiziert hatte, einen stattlichen Hengst darum gebeten, sich ebenfalls den Huf zu reinigen. Und nun wurde er von eben diesem Hengst und sogar von dem Ladeninhaber selbst angeschnauzt, was ihm einfalle, schließlich habe ein jedes Pony die Freiheit, sich selbst zu entscheiden, ob und wann es seine Hufe desinfiziert.

Dabei war es doch so einfach: Desinfizieren und Abstand halten. Dabei wären diese Maßnahmen, die per se aus anderen Gründen durchaus sinnvoll sind, vielleicht gar nicht mehr nötig gewesen, denn es gab doch schon längst etwas anderes, mit der man wirksam diese Krise gemeinsam hätte meistern können.
Man konnte sich impfen lassen. Und natürlich hatte sich Greldon bereits impfen lassen, er war sogar voller Ungeduld gewesen, endlich an die Reihe zu kommen.
Ja, am Anfang war es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, an wirksamen Impfstoff zu kommen. Aber dann war schließlich Prinzessin Luna auf wundersame Weise an den Impfstoff in mehr als ausreichender Menge gekommen und die Prinzessinen hatten umgehend alles daran gesetzt, diesen Impfstoff jedem Pony kostenlos zugänglich zu machen.
Prinzessin Luna hatte ihm diese abenteuerliche Gesichte bei einem ihrer vertrauten Stelldicheins erzählt. Eine Geschichte, die von sagenhaften Gestalten handelte, die sich in verschiedenen Welten und Zeiten bewegen konnten und sich Equidinauten nannten. Und von einem zwar schurkigen, aber doch sehr liebenswerten Drachen, der eben jenen Equidinauten freilich nicht ganz freiwillig geholfen hatte.
Was Greldon aber einfach nicht verstehen konnte: Anstatt dass Freude und Jubel darüber herrschte, dass es endlich ein wirksames Mittel im Kampf gegen dieses tückische Virus gibt, scharrten sich viele Ponys zu einem verärgerten Mob zusammen und skandierten wirre Sprüche und verquerte Ideen. Quergedacht statt dankbar. Die krudesten Ideen wurden da verbreitet, gefährliche Halbwahrheiten, gefährliches Halbwissen. Aber das war ja nicht nur bei den Ponys so. Auch die Drachen in den nördlichen Reichen oder das stolze Volk der Greife, sogar bei den Yaks gab es etliche, die meinten, sie müssten querdenken.

Am meisten frustrierte den Drachen, dass es selbst in seinem Umfeld etliche Ponys und Drachen gab, die, anstatt Dankbarkeit und vor allem Verantwortung zu zeigen, sich mit abenteuerlichsten Ausreden überboten, warum sie sich nicht impfen lassen könnten. Die lustigste Aussage kam von zwei Erdponyhengsten, die verheiratet waren, dass sie Angst und Sorge davor hätten, dass sich aufgrund der Impfung ihr Erbgut verändern würde und ihre Fohlen dann womöglich mißgestaltet wären. Greldon fragte sich noch heute, wieso zwei Hengste, die so gar nichts von Stuten hielten und auch schon in fortgeschrittenem Alter waren, überhaupt ans Fohlenbekommen dachten.
Gut, Greldon kannte auch einen Drachen, der konnte sich tatsächlich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen, ja, ihm war damals sogar die Impfung aufgrund einer Erkrankung verweigert worden. Aber das war wirklich eine Ausnahme.
Nein, Greldon konnte diese Undankbarkeit und auch den Egoismus nicht verstehen, der hinter der Weigerung steht, sich nicht impfen zu lassen. Nicht verstehen und vor allem nicht länger ertragen. Vor allem enttäuschte es ihn, dass sogar unter den Ponys dieser Egoismus so weit verbreitet war. Ponys, die doch unter dem Motto, dass Freundschaft magisch sei, lebten. Aber, vielleicht musste Freundschaft viel mehr sein als nur magisch?

Und das war genau der Grund, warum er heute eine Audienz bei Prinzessin Celestia hatte.

Er war in den letzten Monaten in reger Korrespondez mit ihr über das Thema Freundschaft, gerade in dieser Zeit der Krise. Natürlich hatte er sich anfangs zuerst bei Prinzessin Twilight Rat und Hilfe gesucht, doch sie hatte ihn bald an Celestia verwiesen.

Endlich war er am Schloß angekommen. Zu seiner Zufriedenheit sah er, dass man wenigstens hier im Palast die Regel mit dem Getestet, Genesen oder Geimpft beim Publikumsverkehr ernst nahm. Als Bediensteten galten für ihn selbstverständlich noch ein wenig strengere Vorgaben, er mußte Geimpft oder Genesen und dann Geimpft sein. Wenigstens eine sinnvollere Regel als das Flugverbot für Drachen, sinnierte Greldon, als er durch den Bediensteteneingang schlüpfte. Das sollte für alle Berufe gelten, in denen man direkten Kontakt mit anderen Geschöpfen hat. Seien es körpernahe Berufe oder auch Dienstleistungen wie das Bankenwesen oder im Ponynahverkehr.

Er eilte durch die nahezu verlasssenen Gänge. Früher hatte es im Palast von Canterlot von Ponys nur so gewimmelt, etliche von ihnen der Royalen Palastgarde zugehörig, aber auch andere Bedienstete des Schlosses und Besucher, die bei einer der beiden Prinzessinnen einen Audienztermin bekommen hatten. Aber auch das hatte sich in den letzten Monaten geändert. Die Audienztermine waren deutlich reduziert worden.

Als er sich Celestias Audienzzimmer näherte, stellten sich ihm die beiden diensthabenden Pegasi in ihren schmucken, goldenen Uniformen mit gekreuzten Speeren in den Weg: „Bist du heute nicht ein wenig zu früh dran für deine... nun ja... wöchentliche Konferenz mit Prinzessin Luna?“ Sie grinsten bei der Frage anzüglich.
„Nein, heute möchte ich zu ihrer Schwester. Ich habe einen Audienztermin bei Prinzessin Celestia bekommen.“
Einer der Wächter lachte: „Anscheinend hat dich Luna an ihre Schwester weiterempfohlen. Versucht aber diesmal, nicht ganz so laut zu sein. Um diese Zeit sind auch Fohlen im Schloß.“
Greldon errötete: „Also, ich bin wirklich nicht deswegen hier, Leute.“
„Schon gut, schon gut, war ja auch nicht Ernst gemeint. Die Prinzessin erwartet dich schon. Lass uns etwas von dem Kuchen übrig, den sie extra für diese Audienz hat bringen hat lassen. Aber vorher... Du weißt schon. Wir müssen darauf bestehen, auch wenn wir dich kennen.“
„Das ist schon gut, ihr tut schließlich nur eure Pflicht“, erwiderte Greldon und hielt der Wache seinen Impfausweis unter die Nüstern. Sie überprüften den korrekten Impfstatus und traten beiseite.

Der Scholokaldenkuchen hatte vorzüglich gemundet und Greldon nach mit einer weiteren Tasse Kaffee. Im Gegensatz zu Prinzessin Luna war bei Celestia der Kaffee immer stark und schwarz wie die Nacht; genau so, wie es der Drache auch am liebsten mochte.
Er lehnte sich zurück und betrachtete die Prinzessin, die ihn ihrerseits aufmerksam musterte, ihre pastell-regenbogenfarbene Mähne wie üblich wallend und fließend wie feinste Seidenwölkchen. Greldon beobachtete das Mähnenspiel und verlor sich darin, es war beruhigend und doch auch anregend. Irgendwie erinnerte ihn Celestias Mähne an eine seiner Lavalampen, die er bei sich zu Hause hatte.

Celestia ließ ihr Horn aufglühen und schon landete sanft von einem Windhauch getragen ein Stück Pergament zwischen ihnen auf dem Tisch. Greldon erkannte es sofort als den letzten Brief, den er der Prinzessin durch Spike hatte übermitteln lassen. Die Prinzessin las den Brief leise vor und blickte dann den Drachen fragend an.
„Du willst also wissen, was Freundschaft in der Zeit einer Krise wirklich bedeutet. Ob Freundschaft in einer solchen Krise überhaupt Bestand haben kann. Du verwendest in deinem Brief eine interessante These, die für einen Drachen ein wenig... überraschend ist. Aber daran sieht man, dass Drachen im Gegensatz zu manch anderen heutzutage nicht quer, sondern quadratisch denken können, das ist ein riesiger Vorteil. Also, du stellst diese These auf: Freiheit bedeutet Verantwortung. Magst du mir das erklären?“
„Darüber wollte ich eigentlich mir dir diskutieren, Prinzessin. Kann man überhaupt Verantwortung übernehmen und dabei frei sein?“
Die Prinzessin lehnte sich zurück und blickte ihr Gegenüber neugierig an: „Jetzt bin ich gespannt.“

Greldon lehnte sich ebenfalls zurück, riss sich von der wallenden Mähne los und begann:
„Ich kann jetzt natürlich nicht sagen, wie das bei euch Ponys ist, aber wir Drachen werden vom Schlüpflingsalter an mit dem Gedankengut groß gezogen, dass wir freie Geschöpfe sind. Dass aber eben diese Freiheit auch organisiert werden muss durch Richtlinien und Grundsätze, einfach damit es zu keinem Chaos kommt. Denn der Freiraum des einen Drachen im Himmel endet erst mal da, wo der andere Drache fliegt.“
Greldon machte eine Pause und dachte nach.
„Gut, das ist bei Ponys nicht anders, sei es bei den Erdponys, den Einhörnern oder den Pegasi“, stellte Celestia fest. „Und weiter?“
„Außerdem lehrte man uns damals, dass wir Drachen nur überleben können, wenn wir über den Rand unserer Nester hinausgucken und uns hinterfragen: Wie wirkt sich mein Handeln auf das Handeln der anderen aus? Welche Konsequenzen gibt es? Wir lernten also schon bald, vorausschauend zu handeln. Ob das jetzt die jungen Drachen heutzutage auch noch so lernen, weiß ich nicht, aber zu meiner Zeit war das so der Usus. Jedenfalls... Wenn also mein Freiraum dort endet, wo der Freiraum des anderen Drachen beginnt und ich zugleich aber sage, ich muss vorausschauend handeln, dann komme ich doch zu der Frage: Beeinträchtige ich mit meinenen Entscheidungen, mit meinem Handeln die Freiheit eines anderen Drachen?“

Die Prinzessin ließ kurz ihr Horn aufstrahlen und eine Kanne schwebte herbei, um ihre und Greldons Tasse noch einmal mit frischem, heißem Kaffee aufzufüllen.

„Dazu kann es durchaus kommen, ja“, pflichtete die Prinzessin bei, „und zwar immer dann, wenn man in einer Gemeinschaft, ganz gleich welcher Art, eingebunden ist. Sei es Familie, sei es Freunde, sei es Nachbarn, auf den Äckern bei der Feldarbeit, egal.“
„Aber ist das dann nicht jetzt auch der Fall? Der wütende Ponymob, der wütende Greifenmob, der wütende Drachenmob skandiert, dass es ihre freie Entscheidung sei, sich impfen oder testen zu lassen oder eben auch nicht, dass man sie nicht dazu zwingen darf, weil das ein zu großer Eingriff in ihre Freiheit wäre.“
„Ja, die Pflicht zu impfen wäre tatsächlich ein großer Eingriff in ihre Freiheit.“
„Das sehe ich auch so. Aber, was ist mit meiner eigenen Freiheit? Meinem Recht darauf, beispielsweise gesund zu bleiben, weil ich mich beispielsweise um jemanden Hilfsbedürftigen kümmern muss? Oder meinem Recht darauf, dass ich den Freundschaftsexpress wieder ohne Maske und ohne Sorge nutzen kann, wenn die Pandemie endlich besiegt worden ist? Würde nicht die Freiheit derjenigen, die sich nicht impfen lassen wollen oder auch nur eine Maske tragen wollen, genau da enden, wo eben meine Freiheit, gesund bleiben zu wollen, beginnt?“
„Das wäre dann der Punkt, an dem Verantwortung ins Spiel kommt“, stellte Celestia fest. „Ich sehe schon, Twilight hat dich auf den richtigen Weg gebracht.“
„Diese Verantwortung würde aber ja dann die Freiheit tatsächlich einschränken, oder?“
„Das mögen einige so sehen“, erwiderte Celestia, „aber Du hast es eben vorhin auch selber schon gesagt, dass die Freiheit organisiert werden muss durch Richtlinien und Grundsätze, einfach damit es zu keinem Chaos kommt. Und der Überbau zu diesen ganzen Richtlinien und Grundsätzen, das ist die Verantwortung. Meine Schwester und ich, Prinzessin Twilight, Prinzessin Cadenza und ihr Gemahl Shining Armour, wir haben die Verantwortung für das Wohlergehen jedes einzelnen Ponys das bei uns lebt, und eben nicht nur für die Ponys, sondern auch für die Drachen, Greife, eben alles, was Equestria so bevölkert. Es ist keine schöne Aufgabe, Richtlinien aufzuzeigen. Aber es ist notwendig, damit jeder von uns seine eigene Freiheit ausleben kann – so lange damit nicht die Freiheit eines anderen beeinträchtigt wird. Es stellt sich aber ein ganz anderes Problem dabei.“

„Welches wäre das?“ fragte Greldon nach.

„Das, was eben auch zur Freiheit gehört. Jedes Pony und jeder Greif und jedes Yak und jeder Drache hat die Freiheit, sich Informationen zu verschaffen. Und mit diesen Informationen dürfen auch unsere Aktionen hinterfragt werden. Was heißt dürfen, sie sollen sogar hinterfragt werden. Aber. Auch hier kommt die Verantwortung ins Spiel. Meine Schwester und ich, als wir selber noch im magischen Kindergarten waren, wir wurden immer von unserer Gouvernante genervt mit dem Ausdruck Kritisch Lesen. Was will das geschriebene, das gesagte Wort bewirken? Will es informieren? Will es manipulieren? Will es kontrollieren? Aber das ganze Kritische Lesen bringt überhaupt nichts, wenn man nicht dazu den gesunden Ponyverstand einschaltet und nachfragt: Ist das überhaupt so plausibel?“
„Gut, das mit dem Kritisch Lesen, das hat man uns jungen Drachen auch eingebläut, immer und immer wieder. Aber wenn ich eben heute so höre, was die Impfgegner als Argumente vorbringen, dann frage ich mich schon, ob es da am Kritisch Lesen gefehlt hat oder an diesem gesunden Pony-oder was auch immer-Verstand. Der eine Greif plappert von Smartblood und Nanochips, das man in das Blut gespritzt bekommt, Fluttershy... oh, verzeih, ich wollte keine Namen nennen, aber ein tierliebes Pony verbreitet die Sorge, dass der Impfstoff aus Hundewelpen hergestellt wird, andere sehen eine Verschwörung von Flim und Flam, die damit ihr Wirtschaftsimperium ausweiten wollen... und das Ganze gipfelt dann in einer Art Tyrannei der Ungeimpften, die dazu führt, dass ich in meiner Freiheit weiterhin eingeschränkt werde, mein Leben wieder normal führen zu können. Und das, obwohl ich selber mich habe impfen lassen, auch die entsprechenden Mühen und, falls es je welche gab, Risiken von Nebenwirkungen auf mich genommen habe. Das, Prinzessin, das ist das, was ich nicht begreife, das ist das, was mich so sehr frustriert.“
Die Prinzessin nickte: „Verständlich. Und was folgerst du daraus?“
„Dass man verantwortungsvoll mit seiner Freiheit umgehen soll?“
„Nicht ganz. Aber du hast es ja selbst schon gesagt: Freiheit ist oder bedeutet Verantwortung. Das ist es, was die Gesellschaft wieder lernen muss zu begreifen.“

Der Drache seufzte und nahm noch einen Schluck Kaffee. „Weißt du, Celestia, das Problem ist: Ich habe selber in meinem Umfeld etliche Ponys, Greife und auch Drachen, die sich dem Impfen verweigern, ja manche streiten sogar immer noch die Tatsache ab, dass es diese Pandemie überhaupt gibt. Ich hatte da deshalb auch schon so manche unschöne Auseinandersetzung. In einem Fall wurde ich dann sogar als der Bösewicht hingestellt, quasi als Verräter, der wem enttäuscht hat, nur weil ich das entsprechende Verantwortungsbewußtsein an den Tag gelegt hatte. Das ist schon ein Punkt, der mir sehr wehgetan hat und natürlich auch immer noch weh tut. “

Celestias Mähne wehte wieder und die Prinzessin sah Greldon schweigend an. Dann lächelte sie: „Aber im Grunde hast du dir doch schon längst die zutreffende Antwort auf dein Freundschaftsproblem gegeben. Eben mit deinen Überlegungen zur Freiheit und zur Verantwortung. Übertrage das doch auf die, die du als deine Freunde bezeichnest und die, die sich selber als deine Freunde bezeichnen.“
„Wie meinst du das?“
„Nun, es geht doch um deine Freiheit, gesund zu bleiben. Es geht um deine Freiheit, irgendwann wieder – und zwar möglichst bald- Dein gewohntes Leben zu führen. Beispielsweise wieder einer Galoppinggala beizuwohnen oder einfach unbeschwert mit einem Pony oder Drachen zusammen zu sein. Gleichzeitig bist du selber in der Verantwortung: Für dich selber, deine Liebsten, dein engstes Umfeld, vielleicht für irgendwelchen Alten und Kranken. Damit eben auch diese ihre Freiheit ausleben können, gesund zu sein, ihre Freiheit haben können, ihr gewohntes Leben zu führen. Und nun stelle Dir diese eine wichtige Frage: Wer von deinen Freunden übernimmt diese Verantwortung für Dich? Anders ausgedrückt: Welchen deiner Freunde kümmert es wirklich, dass deine Freiheit, gesund zu bleiben, deine Freiheit, ein normales, unbeschwertes Leben führen zu können, gewahrt bleibt?“
Greldon biß sich auf die Lippen: „Diejenigen, die sich an die Maßnahmen halten und sich eben auch impfen lassen, sofern nicht wirkliche gesundheitliche Risiken aufgrund einer entsprechenden Erkrankung dagegen stehen?“

Die pastell-regenbogenfarbene Mähne wehte gleichmäßig und beruhigend.

Greldon hatte sie noch vor Augen, als er im Freundschaftsexpress saß und in das Dunkel der Nacht blickte. Auch, wenn es das Ende in mancherlei Hinsicht bedeutete, er wusste nun sicher, was er immer schon geahnt hatte: Freiheit ist Verantwortung, Verantwortung ist Freundschaft, Freundschaft ist Magie.

ENDE

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